Workshop der Autorinnen und Autoren

Am 13. April 2018 fand in der Landesbibliothek ein ganztägiger Workshop der Autorinnen und Autoren des großangelegten Buchvorhabens zu Niederösterreich im 19. Jahrhundert statt. Die rund 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer diskutierten Konzept und Leitfragen des Werks, das in zwei Bänden erscheinen wird.

Entstehen soll ein Werk, das viele Dimensionen regionaler Geschichte behandelt. Forscherinnen und Forscher müssen die Bände mit Gewinn konsultieren können und zugleich sollen sie allen Geschichtsinteressierten aus Niederösterreich eine gut verständliche und anregende Lektüre bieten. Wie lässt sich der Spagat zwischen Überblicksdarstellungen und stärker forschungsgetriebenen Spezialstudien schaffen? Wie können gute Lesbarkeit und wissenschaftliche Ansprüche in Einklang gebracht werden?

Bereits der Betrachtungszeitraum ist nur scheinbar eindeutig. Das Buchvorhaben geht von einem ‚langen’ 19. Jahrhundert aus, das nicht der kalendarischen Einheit von hundert Jahren entspricht. Es beginnt mit dem Reformabsolutismus unter Joseph II. und endet mit der Zeit im und unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg. Aber für die verschiedenen Themen müssen immer wieder passende Untersuchungszeiträume gefunden werden. Verwaltung, politische Mobilisierung, Industrialisierung, Familienleben, Alltagsreligiosität, Architektur und Landschaftswahrnehmung folgen verschiedenen, längeren und kürzeren Rhythmen. Andere Themen, wie die Revolution 1848 am ‚flachen Land’ und die ‚Heimatfront’ im Ersten Weltkrieg, sind wiederum an engere und klar gefasste Zeiträume gebunden.

Das lange 19. Jahrhundert ist eine Zeit, in der sich eine „Verwandlung der Welt“ (Jürgen Osterhammel) vollzog – Modernisierung also? Meist hat die jüngere Forschung allerdings das 20. Jahrhundert als das Zeitalter der Moderne betrachtet: Im Mittelpunkt stehen massive Gewalt, Weltkriege und Genozide, einerseits und die Formierung von Wohlstandsgesellschaften andererseits. Es lohnt demgegenüber, die Frage, was Gesellschaften modern machte, erneut stärker an das 19. Jahrhundert zu richten. War es die Ausdehnung des Staates seit dem Reformabsolutismus, die Industrialisierung seit den 1830er Jahren oder erst die Formierung von Massenpolitik, Massenproduktion und Massenkonsum seit den 1880er Jahren? War Modernisierung Fortschritt, wie liberale Eliten meinten, oder jener Verfall, den Konservative fürchteten? Oder handelte es sich vor allem um den Vorlauf zum „Zeitalter der Extreme“? So fasste der britische Historiker Eric Hobsbawm das 20. Jahrhundert.

Ohne Bewertungen vorwegzunehmen ist eines deutlich: Modernisierung war eine Steigerung von sozialer Macht. Der Staat und eine wachsende Zahl von staatlichen Behörden und Betrieben, aber auch private Unternehmen, Vereine und Parteien ­konnten mehr Menschen bewegen, mehr Ressourcen mobilisieren, mehr erreichen und mehr zerstören, als das in der Frühen Neuzeit zutraf.

Um Fragen zu Niederösterreich im 19. Jahrhundert beantworten zu können, gilt es immer wieder, Beobachtungsebenen zu finden, von denen aus sich Brücken schlagen lassen: zwischen den Einzelfällen, bunten Details und ‚großen’, überregionalen – bis hin zu globalen – Entwicklungen.


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