03.04.2024 | 09:39

Zahlreiche Aktivitäten zur Erinnerungskultur in der Landeshauptstadt

Erinnern für die Zukunft im Rahmen von Kultur St. Pölten 2024

Je krisen- und kriegsgeschüttelter die Gegenwart ist, desto wichtiger wird ein Blick in die Vergangenheit, um an einer besseren Zukunft zu arbeiten. Dieses Motto verbindet St. Pöltner Institutionen wie die Ehemalige Synagoge St. Pölten, die Tangente St. Pölten als Festival für Gegenwartskultur, das „Haus der Geschichte“ im Museum Niederösterreich, das Stadtmuseum St. Pölten, das Museum am Dom, das Landestheater Niederösterreich und das Institut für jüdische Geschichte Österreichs (INJOEST).

Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner betont die Wichtigkeit der gelebten Erinnerungskultur im Rahmen von Kultur St. Pölten 2024: „Erinnerungskultur ist eine politische Pflicht unserer Demokratie, denn nur durch das Verständnis unserer Vergangenheit können wir die Zukunft gewissenhaft gestalten. Gerade in unserer Zeit ist es unerlässlich, das Erinnern an vergangene Zeiten hochzuhalten und Lehren daraus zu ziehen. Unsere Kulturinstitutionen verkörpern diese Verantwortung und machen sie zum Leitmotiv von Kultur St. Pölten 2024“.

In dieselbe Kerbe schlägt auch Bürgermeister Matthias Stadler: „Gerade die Brüche und dunkelsten Phasen unserer Stadtgeschichte stehen im Mittelpunkt der umfangreichen Aktivitäten zur Erinnerungskultur in diesem Jahr. Wir weigern uns, einen Schlussstrich zu ziehen. Wir übernehmen Verantwortung und können durch die unterschiedlichsten Vermittlungsformate die Bedeutung unserer demokratischen Freiheiten anschaulich greifbar und Parallelen zur Gegenwart sichtbar machen“.

Ab 19. April ist die Ehemalige Synagoge St. Pölten als barrierefrei zugängliches Kulturzentrum für Ausstellungen und Veranstaltungen wieder geöffnet. In einer gemeinsamen finanziellen Kraftanstrengung von 4,6 Millionen Euro des Nationalfonds der Republik Österreich, des Bundesdenkmalamtes, des Landes Niederösterreichs und der Stadt St. Pölten wurde das Jugendstil-Juwel generalsaniert. Von 19. bis 21. April lädt die Ehemalige Synagoge St. Pölten zu drei Tagen der offenen Tür mit freiem Eintritt und gratis Führungsprogramm. „Auf ganz persönliche Weise würdigt ‚Jahrzeit‘ anlässlich des konkreten Todes- oder Deportationstages monatlich wechselnd eines der 321 Shoah-Opfer aus St. Pölten und dem Umland“, weist Martha Keil als wissenschaftliche Leiterin auf eine besondere Installation in der Dauerpräsentation „Die Synagoge und ihre Gemeinde“ hin. Sie wird ab 17. Mai bis 10. November von der Wechselausstellung „Dinge bewegen. Gegenstände und ihre jüdischen Geschichten“ begleitet. Die Ausstellungssaison in der Ehemaligen Synagoge St. Pölten läuft von 19. April bis 10. November. Am 28. Mai erscheint in der Reihe „Menschen und Denkmale“ das Buch „Die Ehemalige Synagoge St. Pölten. Gotteshaus – Erinnerungsort – Kulturzentrum“. Ein kräftiges Zeichen zeitgenössischer jüdischer Kultur setzen die von Johann Kneihs kuratierten Jewish Weekends von 7. bis 9. sowie 14. bis 16. Juni. Das Festivalformat bringt internationale und einheimische Musikstars nach St. Pölten.

International, interdisziplinär und zeitgenössisch präsentiert sich das Programm der Tangente St. Pölten, des Festivals für Gegenwartskultur von 30. April bis 6. Oktober. Im Mai und Juni stehen die Produktionen zum Themenschwerpunkt „Erinnerung“ auf dem Programm. Am 1. und 2. Juni stellt die Konferenz zum pluralen Erinnern in Migrationsgesellschaften mit dem Titel „Erinnerungsbedarf“ im Festivalzentrum die Frage, wessen Erinnerung sichtbar und wessen unsichtbar ist.

Mit der Eigenproduktion „X-Erinnerungen“ aus Performances, Theaterstücken und Installationen begeben sich lokale und internationale Künstlerinnen und Künstler gemeinsam mit dem Publikum von 28. bis 30. Juni auf eine theatrale Spurensuche in Privatwohnungen, verlassenen Fabriken, historischen Bauernhöfen und anderen versteckten Orten in St. Pölten. Im Rahmen der Jewish Weekends präsentiert die Tangente St. Pölten den Stummfilm „Die Stadt ohne Juden“ von Hans Karl Breslauer mit Musik komponiert von Olga Neuwirth und live aufgeführt vom Ensemble PHACE am 14. Juni im Festspielhaus St. Pölten. „Die Gegenwart ist ziemlich beängstigend und dann ziehen wir uns oft zurück. Die Tangente will Menschen zusammenbringen und Mut zu solidarischem Handeln machen“, meint der kuratorische Leiter Tarun Kade.

Mit der Sonderausstellung „Auf der Flucht – 25 Objekte erzählen“ präsentiert das St. Pöltner „Haus der Geschichte“ Schicksale von Krieg, Flucht und Vertreibung. „Politische Rahmenbedingungen, Fluchtrouten und Transportmittel mögen sich ändern, gewisse Muster aber wiederholen sich“, erkennt der wissenschaftliche Leiter Christian Rapp Parallelen, auch wenn die 25 Geschichten einen zeitlichen Bogen von der biblischen Flucht nach Ägypten bis zum russischen Angriffskrieg auf die Ukraine 2022 ziehen. Am 14. Mai um 18.30 Uhr findet das Forum „Erzählte Geschichte“ mit Anna Hackl als Zeitzeugin der so genannten „Mühlviertler Hasenjagd“ statt.

Ab 3. Mai ist im Stadtmuseum St. Pölten die Archäologie-Ausstellung „Von Steinen und Beinen – Die wechselvolle Geschichte eines Platzes, der keiner war“ über die wechselvolle Geschichte des Domplatzes zu sehen. Damit positioniert sich der Domplatz als Ort der Erinnerung. Neben der Ausstellung ermöglichen Augmented-Reality-Brillen erstmals bei einem Rundgang im Freien eine Reise in das Spätmittelalter. „Die Grabung auf dem Domplatz war nicht nur das größte archäologische Projekt der letzten Jahrzehnte, sie ist vor allem das bedeutendste wissenschaftliche Projekt der letzten Jahrzehnte, dessen Ergebnisse unser Wissen um die Geschichte unserer Stadt in vielfältiger Weise enorm erweitert“, ist Museumsleiter Thomas Pulle überzeugt.

Das Museum am Dom geht ab 9. Mai mit zwei Ausstellungen an den Start: Die Museumssammlung wird nach fünfjähriger Schließung und Neukonzeption wieder dauerhaft zugänglich gemacht. Die Jahresausstellung mit dem Titel „Schädelkult und Stiftstumult – 1.000 Jahre Hippolytkloster“ erzählt die Geschichte des ältesten Klosters auf niederösterreichischem Boden, das von Joseph II. aufgelöst wurde und heute Bischofssitz ist. Ab 20. September ist zudem ein Teil der ehemaligen Luftschutzkeller am Domplatz im Rahmen einer Ausstellung über die Kirche St. Pöltens in der NS-Zeit für die Öffentlichkeit zugänglich.

„Blick in den Schatten – St. Pölten und der Nationalsozialismus“ ist eine groß angelegte Ausstellung ab 14. Juni im Stadtmuseum St. Pölten. Sie wirft einen Blick auf die Vorboten des Nationalsozialismus und weigert sich, einen Schlussstrich unter die Auseinandersetzung mit dieser menschenverachtenden Epoche zu ziehen. „Es gibt sicher angenehmere Themen, die im Stadtmuseum präsentiert werden könnten, aber es gibt wohl kaum ein wichtigeres Thema als eine profunde Auseinandersetzung mit der NS-Zeit, die bis in die heutige Zeit zu verspüren ist“, sagt Museumsleiter Thomas Pulle.

Der jüdische Friedhof von St. Pölten in der Karlstettner Straße 3 wurde vom Nationalfonds der Republik Österreich mit finanziellen Mitteln des Landes Niederösterreich saniert. Die Stadt St. Pölten hat sich für die Instandhaltung für die nächsten 20 Jahre verpflichtet und damit ebenso historische Verantwortung übernommen. Am Mittwoch, den 19. Juni um 18 Uhr bietet Martha Keil, wissenschaftliche Leiterin des INJOEST im Rahmen der St. Pöltner Stadttouren eine Führung am jüdischen Friedhof St. Pölten an (Anmeldung: tourismus@st-poelten.gv.at). Führungen für Gruppen sind auf Anfrage buchbar unter office@injoest.ac.at. Vermittlungsprogramme für Schulklassen sind auf Initiative des Nationalfonds in Planung.

Auch am alten jüdischen Friedhof am Pernerstorferplatz im Süden St. Pöltens wird im Laufe des Jahres ein Projekt der Künstlerin Anna Artaker im Rahmen von Kunst im öffentlichen Raum Niederösterreich (KOERNOE) umgesetzt, das an die 583 hier bestatteten Personen erinnern wird. Bereits bestehende Projekte von KOERNOE wie das Mahnmal von Hans Kuppelwieser im Hammerpark, das erschossenen Widerstandskämpfer:innen gewidmet ist sowie die Arbeiten von Catrin Bolt und Tatiana Lecomte bei den Viehofner Seen zu den dortigen Zwangsarbeiterlagern machen Geschichte sichtbar.

Das Erinnerungsbüro des Landestheaters Niederösterreich veranstaltet am 4. und 25. Mai Stadtspaziergänge durch das jüdische St. Pölten. Ausgewählte Lebensgeschichten und Originaltexte wie Briefe und Tagebucheinträge geben einen Eindruck vom sichtbaren jüdischen Leben in St. Pölten vor dem Holocaust. Im Rahmen dieser Führungen werden auch einige der 63 Steine der Erinnerung für jene 119 Menschen zu sehen sein, die das INJOEST bis dato in St. Pölten gesetzt hat. 577 namentlich bekannte jüdische Männer, Frauen und Kinder lebten im März 1938 auf dem Gebiet der Israelitischen Kultusgemeinde St. Pölten. 321 von ihnen wurden in der Shoah ermordet, 214 konnten entkommen, bei 42 weiteren ist das Schicksal unbekannt.

Ebenfalls im Rahmen des Erinnerungsbüros gibt es im Landestheater Niederösterreich seit 2020 Die lebendige Bibliothek - ein partizipatives Schulprojekt zum Thema Erinnerungskultur in Niederösterreich. Im diesem Projekt setzen sich Schulklassen aus Niederösterreich mit autobiografischen Texten von schon verstorbenen Zeitzeugen auseinander und übersetzen diese in kleine Videos bzw. „Essay-Filmchen“, die auf der Website https://www.landestheater.net/de/die-lebendige-bibliothek abrufbar sind. Das Projekt, das in Kooperation mit Shoot Your Short – Filmworkshops umgesetzt wird, wurde 2022 mit dem „media literacy award“ ausgezeichnet. Schulklassen aus ganz Niederösterreich sind herzlich eingeladen, bei der lebendigen Bibliothek mitzumachen und so das Gedächtnis an Zeitzeugen, die vom Nationalsozialismus erzählen könnten oder den Holocaust überstanden haben in Erinnerung zu halten.

Am Samstag, dem 9. November um 18.30 Uhr laden die Ehemalige Synagoge St. Pölten und das INJOEST zu einer Gedenkveranstaltung anlässlich der Novemberpogrome. Martha Keil spricht zu den Gedenkaktivitäten des INJOEST im Jahr 2024. Senka Brankovic Rau (Klavier) und Helmut Mooshammer (Sprecher) präsentieren „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ des 1944 in Auschwitz ermordeten Viktor Ullmann.

Die Museumscard St. Pölten um nur 18 Euro pro Person gilt im gesamten Kulturjahr 2024 für einen einmaligen Eintritt in die Ehemalige Synagoge, in das KinderKunstLabor, das Museum am Dom, das „Museum Niederösterreich“ und das Stadtmuseum St. Pölten. Sie ist in den teilnehmenden Ausstellungshäusern und Museen, im NÖKU Kartenbüro, bei der Tourismusinfo St. Pölten und online auf der Website des Museum Niederösterreichs erhältlich.

Nähere Informationen unter der Telefonnummer 02742/90 80 90-911, E-Mail info@museumnoe.at, bzw. beim Museum Niederösterreich, Mag. Florian Müller, Telefon 0664/60499-911, E-Mail florian.mueller@museumnoe.at, https://www.museumnoe.at/

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